Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir schlafend, und trotzdem wusste lange niemand, was in dieser Zeit eigentlich passiert. Galt die Nacht früher als eine Art Pause, in der Körper und Geist einfach abschalten, hat die Wissenschaft in den letzten 160 Jahren ein ganz anderes Bild gezeichnet. Die Geschichte der Schlafforschung beginnt dabei nicht in einem großen Labor, sondern mit einem einfachen Experiment in Deutschland.

Ein Geräusch in der Nacht: Kohlschütter misst die Tiefe
1862 wollte der junge Physiologe Ernst Kohlschütter wissen, ob Menschen die ganze Nacht über gleich fest schlafen. Seine Methode war so schlicht wie wirkungsvoll: Er weckte seine Versuchspersonen zu verschiedenen Zeiten mit Geräuschen, die er immer lauter werden ließ, und notierte, ab welcher Lautstärke sie aufwachten.
Das Ergebnis überraschte. In der ersten Stunde nach dem Einschlafen brauchte es den größten Lärm, danach wurde das Aufwachen immer leichter. Kohlschütter hatte damit als einer der Ersten gezeigt, dass die Nacht nicht gleichförmig verläuft, sondern tiefe und flachere Abschnitte hat.
Hans Berger und die Ströme im Kopf
Den nächsten großen Schritt machte ein Psychiater aus Jena. Hans Berger hatte als junger Soldat einen Reitunfall, bei dem er knapp dem Tod entging. Am selben Tag schickte seine Schwester, die weit entfernt lebte, ein besorgtes Telegramm, weil sie ein ungutes Gefühl hatte. Berger ließ dieses Erlebnis nicht los. Er wollte herausfinden, ob das Gehirn eine Art Energie aussendet.
Gedankenübertragung fand er nicht, dafür etwas anderes: 1924 gelang es ihm als Erstem, die elektrische Aktivität eines menschlichen Gehirns aufzuzeichnen. Er nannte das Verfahren Elektroenzephalogramm, kurz EEG. Lange belächelten Kollegen seine Kurven, doch ohne seine Erfindung wäre die moderne Geschichte der Schlafforschung kaum denkbar. Wer die Schlafphasen eigentlich entdeckt hat.
Die Entdeckung des Träumens
Mit dem EEG konnten Forscher endlich sehen, was im Gehirn während der Nacht vor sich geht. In den USA erkannte man 1937, dass sich die Hirnströme im Laufe der Nacht in mehreren Stufen verändern.
1953 folgte in Chicago eine Entdeckung, die eher zufällig zustande kam. Der Doktorand Eugene Aserinsky beobachtete seinen schlafenden Sohn und bemerkte, dass sich dessen Augen unter den Lidern immer wieder schnell bewegten. Zusammen mit seinem Professor Nathaniel Kleitman stellte er fest: In genau diesen Momenten träumen wir besonders lebhaft. Der REM-Schlaf war entdeckt.
Aschoff und der Bunker von Andechs
Eine ganz andere Frage beschäftigte Jürgen Aschoff vom Max-Planck-Institut in Bayern: Woher weiß unser Körper eigentlich, wann Tag und wann Nacht ist? Um das herauszufinden, ließ er ab 1964 in Andechs einen unterirdischen Bunker einrichten.
Freiwillige lebten dort mehrere Wochen ohne Uhr, ohne Tageslicht und ohne Kontakt zur Außenwelt. Sie durften schlafen, essen und arbeiten, wann sie wollten. Dabei zeigte sich etwas Erstaunliches: Ihr Tagesrhythmus pendelte sich bei etwas mehr als 24 Stunden ein. Unsere innere Uhr läuft also von allein, braucht aber das Tageslicht, um richtig gestellt zu werden. Aschoff gilt deshalb bis heute als einer der Väter der Chronobiologie.
Warum manche morgens fit sind und andere erst abends
An diese Arbeit knüpft der Münchner Forscher Till Roenneberg an. Manche sind früh am Morgen hellwach, andere kommen erst abends richtig in Schwung. Forscher sprechen deshalb von Lerchen und Eulen.
Für den Unterschied zwischen innerer Uhr und Wecker hat Roenneberg einen eigenen Begriff geprägt: den sozialen Jetlag. Wer als „Eule“ jeden Tag früh zur Arbeit muss, lebt praktisch dauerhaft in einer anderen Zeitzone als sein Körper
Erster und zweiter Schlaf: wie man früher ruhte
Zum Schluss ein Blick weiter zurück. In alten Tagebüchern und Briefen aus der Zeit vor dem elektrischen Licht taucht immer wieder ein seltsamer Ausdruck auf: der erste und der zweite Schlaf. Viele Menschen gingen kurz nach Sonnenuntergang zu Bett, wachten mitten in der Nacht für eine Stunde auf, beteten, lasen oder unterhielten sich und schliefen dann ein zweites Mal ein. Erst Kerzen, Gaslaternen und schließlich die Glühbirne haben unsere Nächte kürzer und zusammenhängender gemacht
Was du daraus mitnehmen kannst
Die Geschichte der Schlafforschung zeigt, wie viel in einer scheinbar ruhigen Nacht passiert. Was Kohlschütter mit Geräuschen erahnte und Berger mit seinen Kurven sichtbar machte, hilft uns heute, besser zu verstehen, warum wir uns morgens mal erholt und mal wie gerädert fühlen.
Was in den einzelnen Phasen genau geschieht und wann für dich der beste Zeitpunkt zum Aufstehen ist, erfährst du bei unserem Schlafrechner.